Kopfgeschlagen Blog

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Wenn tapfere Hunnenkönige vor Magenspiegelungen davonlaufen…

Eigentlich soll es ja in diesem Blog um Ungerechtigkeiten und mehr oder weniger kleine Betrügereien in Dienstleistungssektoren wie Medizin, Rechtswesen, Internet etc. gehen, aber zum Auftakt hier nur eine kurze, hoffentlich amüsante Anekdote aus dem Bereich der Gastroenterologie:

 

Wer schon mal eine Magenspiegelung bekommen hat, kann sicher nachempfinden, daß es angenehmere Dinge im Leben gibt. Zu Beginn der Neunziger, als die Krankenhausjobs für Medizinstudenten rar waren, habe ich mir etwas Geld mit sogenannten „Sondenversuchen“ verdient. Finanziell stand ich während des Studiums immer „hart an der Kippe“, denn mein Vater, der ein kettenrauchender Workaholic war, bekam schon mit Ende vierzig einen Herzinfarkt, wodurch er arbeitsunfähig wurde. Er quälte sich noch zehn Jahre, in denen er diverse Operationen über sich ergehen ließ, bis er im Jahr 1990 starb. Meine Mutter war Hausfrau, daher verschlechterte sich unsere finanzielle Situation sehr, als der „Versorger“ der Familie ausfiel. Befög habe ich nicht beantragt, weil meine Mutter sonst das Haus hätte aufgeben müssen. Das wollte ich ihr natürlich nicht zumuten, also finanzierte ich mein Studium selbst. Die Pharmaindustrie testet nahezu alle Medikamente an männlichen Probanden (bei Frauen müßte man bei der Auswertung den Zyklus miteinbeziehen, was den Forschern zu mühsam ist), was einerseits dazu führt, daß die meisten zugelassenen Medikamente in ihrer Wirkung auf Frauen nahezu unberechenbar (da nur an Männern getestet) sind. Vernünftige Mediziner kennen das Problem und sprechen es sogar gelegentlich an, von der Mehrheit der Ärzte wird diese Tatsache jedoch totgeschwiegen. Ich selbst nehme kaum Medikamente (gelegentlich Schmerzmittel, wenn meine Hüftgelenksdysplasie Beschwerden macht), bin also wenig betroffen. Im Studium jedoch, als ich dringend Geld brauchte, empfand ich es schon als ein wenig ungerecht, weil ich mich aus der finanziellen Not heraus gern öfter als Versuchskaninchen angeboten hätte. Ich freute mich also sehr, als ich in die Sondenstudie am Essener Uniklinikum, wo ich damals studierte, aufgenommen wurde. Ich bekam diverse Schläuche in den Magen geschoben und diverse Substanzen verabreicht, was nicht wirklich angenehm war, zumal die Prozeduren bis zu acht Stunden dauerten. Dafür gab es 300 Mark, für mich viel Geld. Leider hatte die Sache eine negative Folge: Ich bekam eine Gastritis und immer wieder kleinere Schleimhautblutungen, die in regelmäßigen Abständen mittels Magenspiegelung kontrolliert werden mußten. Nach einer Weile hatte sich mein Magen erholt, ich mußte immer seltener zum „Spiegeln“. Erst im Jahr 2001 meldete sich mein Magen mit Schmerzen, die ich nicht ignorieren konnte. Meine damalige Internistin (übrigens eine sehr einfühlsame und vernünftige Person, die ich aber leider nicht namentlich empfehlen kann, weil ich damit auch ihren weniger empfehlenswerten Kollegen bloßstellen würde) ist Nephrologin (Nierenspezialistin) und betreibt in Bochum mit einem Kollegen eine Dialysepraxis. Da sie selbst keine Magenspiegelungen durchführt, bekam ich einen Termin bei ihrem Kollegen. Am Morgen der Spiegelung ließ ich mich artig verkabeln und mir Buscopan spritzen – so weit so gut. Nun bin ich (leider), was Magenspiegelungen angeht, ein „alter Hase“: Mit dem Würgereflex komme ich klar, mir macht eher die Überblähung (während des Vorgangs wird Luft in den Magen gepumpt, was die Magenwände reizt und ziemlich weh tun kann) zu schaffen. Was ich aber gar nicht vertrage, ist das Xylocain-Spray, was den Patienten zur Betäubung in den Rachen gesprüht wird. Bei meiner ersten Spiegelung habe ich es eingeatmet, weil ich die Luft nicht mehr anhalten konnte, bekam einen Hustenanfall und hatte das unangenehme Gefühl, ersticken zu müssen. Daher verzichte ich gern auf Xylo, zumal ich es ohnehin nicht brauche (ich kann mich mental recht gut entspannen und den Würgereflex habe ich sowieso im Griff). Ich machte mir also wenig Gedanken, als ich den Doc, der gerade das Xylo-Fläschen zückte, abwehrend bat, auf das Spray zu verzichten. Der Doc, offenbar fixiert auf seine gewohnten Handlungsabläufe, versuchte mir daraufhin einzureden, daß es ohne Xylo nicht ginge. Er habe noch nie eine Spiegelung ohne Xylo durchgeführt und wollte mir erzählen, daß er ja schließlich hier der Arzt sei und schon wisse, was er tue. Darauf sah ich ihn freundlich, aber bestimmt an und sagte: „Nein. Für mich ist es ohne Xylo leichter. Das werden Sie mir auf keinen Fall in den Rachen sprühen. Entweder Sie spiegeln ohne Xylo, oder sie spiegeln ohne mich.“ Ich sagte es wirklich sehr höflich, aber eben doch mit einer gewissen Entschlossenheit, die ihn so erschreckt haben muß, daß er aufsprang und aus dem Behandlungszimmer hinausrannte. Die Arzthelferin war völlig entgeistert, weil ich dem „Herrn Doktor“ widersprochen hatte. Sind wir denn wirklich im Kindergarten? Wer ist hier der Patient? Der Doc, der kein „nein“ verträgt oder die Patientin, die ihren Körper besser kennt, als jeder Arzt. Die Magenspiegelung fiel jedenfalls aus, weil der Doc sich schmollend in sein Zimmer verzog und nicht mehr gesehen ward. Das Witzige an der Geschichte: Dieser wackere Internist hört auf den Vornamen „Attila“. Wow! Bemerkenswert, wie mutig und unerschrocken die Hunnenkönige heutzutage doch sind!

 

Für mich ein klarer Fall von „Kopfgeschlagen“!!!

Dezember 7, 2008 - Verfasst von kopfgeschlagen | Medizin & Gesundheit | , , , , , , , | Noch keine Kommentare

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