Gewalt und Gegengewalt, eine unendliche Spirale? Sollte man (frei nach Lorena Bobbit) Vergewaltigern den Penis amputieren?
Vorab sollte ich kurz erwähnen, daß die Dialoge und der Verlauf der Unterhaltung im letzten Artikel (Von Neonazis und Heidi-Klum-Hassern) so authentisch wie möglich wiedergegeben wurden. Allerdings habe ich zwei Telefongespräche zusammengefaßt, weil der Artikel sonst zu umfassend geworden wäre. Diese kleine Episode aus dem wahren Leben (so geschehen im Jahr 2007) zeigt, wie rasant sich unserer Gesellschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert hat. Erfolgreiche und vor allem starke Frauen wie Heidi Klum stellen für einen ernstzunehmende Anteil der männlichen Bevölkerung eine Bedrohung dar. Sicher, Alice Schwarzer kämpft noch immer für mehr Gleichberechtigung, aber gerade dort, wo Gleichberechtigung erzielt wurde, treten ganz andere Probleme auf. Und zwar Gewaltprobleme. Nun ist »Bernd aus Bad Homburg« nicht der einzige Mann auf diesem Planeten, der sich von Frauen mit starkem Intellekt bedroht fühlt. Und Heidi Klum ist nicht die einzige Frau, die sich Unabhängigkeit erkämpft hat (Gott sei dank, ist sie das nicht!) und dafür von Männern, die sie nicht kennen und die ihr nie begegnet sind, gehaßt und angefeindet wird. Die Frage ist: Wie soll man auf Gewalt reagieren? Vielleicht hat die eine oder andere Frau beim Lesen meines Berichts nervöse Zuckungen bekommen, weil sie mit einem Mann, der sie vergewaltigt und beschimpft hat, ganz anders umspringen würde, als ich es getan habe.
Alice Schwarzer, die ich übrigens aufgrund ihres starken Intellekts sehr schätze (keine Ahnung, wieso sich manche Menschen von ihr bedroht fühlen), wäre vermutlich enttäuscht von mir. Immerhin schrieb sie nach dem Lorena-Bobbit-Fall (wir erinnern uns an die Frau, die ihrem Mann, der sie vergewaltigt hatte, den Penis abtrennte!):
„Sie hat ihren Mann entwaffnet. (…) Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Hausfrauen denken beim Anblick eines Küchenmessers nicht mehr nur ans Petersilie-Hacken. (…) Es bleibt den Opfern gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muß ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich.“ [Zitat Ende]
Na gut, ein Anflug von Schadenfreude hat auch mich im Fall Bobbit überkommen, das gebe ich zu. Allerdings halte ich Gegengewalt nicht für ein probates Mittel als Antwort auf Gewalt. Gewalttäter sind Schwächlinge! Ein Mensch, der es nötig hat, seine Interessen mittels Gewaltanwendung durchzusetzen (und dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Gewalt gegen Frauen oder Männer richtet, ob sie verbal oder nonverbal, materiell oder körperlich ausgeübt wird), ist und bleibt stets der Unterlegene! Ich mache hier keinesfalls den Täter zum Opfer. Aber es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gefühl, minderwertig zu sein und der Ausübung von Gewalt. Hochbegabte (gleich ob Männlein oder Weiblein) beispielsweise verhalten sich im Umgang mit den Aggressionen anderer auffallend passiv. Sie sind zumeist einfühlsam und verfügen über eine ausgeprägte Empathie sowie über einen starken Gerechtigkeitssinn. Hochbegabte Kinder halten die Haßausbrüche und Hänseleien ihrer Mitschüler oft jahrelang aus, ohne sich jemals zu wehren. Mag sein, daß sie dadurch zum Opfer werden. Aber das ist eine äußerst oberflächliche Betrachtung dessen, was psychologisch dahintersteckt. Der Hochbegabte verfügt über Fähigkeiten, die anderen Menschen unzugänglich und oft sogar unverständlich sind. Dadurch empfinden ihn seine Mitmenschen als überlegen. Und letztlich stimmt diese Wahrnehmung zumeist mit der Realität überein. Der Überlegene, pathetisch ausgedrückt: der Machtvolle, macht sich im Umgang mit seinen Mitmenschen oft kleiner als er ist, er verhält sich tolerant und nachgiebig, weil er signalisieren möchte: »Ich bin keine Gefahr!« Was für Hochbegabte (also für Menschen mit außergewöhnlich hohem IQ oder einer Spezialbegabung) gilt, gilt natürlich ebenso für Normalbegabte, die es geschafft haben, aus ihren Fähigkeiten ein Maximum an Gewinn zu schöpfen. Erfolgreiche Menschen sind sicher nicht immer hochbegabt. Aber sie sind mit Sicherheit besser in der Lage, die Frustrationen und Aggressionen anderer gewaltlos zu parieren. Und das scheint mir persönlich der bessere Weg zu sein.
(2) Von Neonazis und Heidi-Klum-Hassern, oder: Wieso alte Herren attraktive und selbstbewußte Frauen als Huren beschimpfen…
Für diejenigen, die meinen ausführlichen Bericht dazu nicht gelesen haben, hier ein kurzer Flashback: Bernd hatte mich mit einem erlogenen Parship-Profil in seine Wohnung gelockt, wo ich, da völlig übermüdet von der langen Autofahrt, übernachten mußte. Er nutzte die Situation aus, um mich sexuell zu nötigen. Der körperliche Schmerz war eine Sache, aber die Erinnerung an den Gestank seines Körpers war fast noch schlimmer: Er roch muffig wie ein alter Mann, der sich lange nicht gewaschen hat, hinzu kam der Geruch von abgestandenem Urin. Wenn ich daran denke, dreht sich mir noch jetzt der Magen um.
Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen: »Nun beruhige dich bitte. Wenn ich dich hätte anzeigen wollen, hätte ich das längst getan. Es geht mir darum, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen-«
»Vernünftig reden willst du?!« unterbrach er mich. »Mit dir kann man doch gar nicht reden! Du hast ja bloß Luft im Schädel! Du bist ja noch dämlicher als Heidi Klum!«
»Was? Wie kommst du jetzt darauf? Ich kann dir nicht folgen!«
»Kein Wunder! Weil du zu blöd bist! Ihr Mistweiber seid alle gleich dämlich! Leg dir doch nen Nigger zu wie die bescheuerte Heidi Klum, aber lauf mir nicht hinterher!« Puh! Der Mann war mehr als nur frustriert.
»Erstens laufe ich dir nicht hinterher. Und zweitens kann ich nicht glauben, daß du Seal gerade einen ›Nigger‹ genannt hast! Findest du das nicht ein wenig rassistisch?«
»Wie willst du das beurteilen, du Hohlkopf? Du sprichst mit einem großen Ethiker! Ich habe schon Moralphilosophie gelehrt (noch eine Lüge!), da hat es dich und diese Modelnutte noch nicht gegeben!« Wow! In jedem Satz hagelte es mindestens eine Beschimpfung! Dabei gehe ich jede Wette ein, daß der Mann sich auf dem Golfplatz oder sonst in der Öffentlichkeit so brav und gesittet benimmt, als könnte er kein Wässerchen trüben. Ach ja, Ethikprofessor ist er allenfalls in seiner Phantasie (,aber das erwähnte ich schon).
»Deine moralische Einstellung kenne ich bereits, allerdings dürftest du in Deutschland kaum viele Gleichgesinnte finden«, sagte ich. »Gerade die Todesstrafe hat hierzulande glücklicherweise kaum Anhänger.« [Bernd ist ein erklärter Befürworter der Todesstrafe]
»Was verstehst du davon, du Klugscheißer! Wenn in diesem Land mal jemand ordentlich aufräumen würde, gäbe es keine Sozialschmarotzer!« Er spielte auf das Ruhrgebiet an. Vor kurzem hatte ich noch geglaubt, er habe die Aussage, man solle Bomben auf Nordrhein-Westfalen werfen, weil dort angeblich bloß Asoziale wohnten, die dem Staat auf der Tasche liegen, nicht wirklich ernst meinen können. Mittlerweile war mir klar, daß er keine Scherze machte. Nun kann man den Mann einerseits als »armen Irren« mit vollkommen entgleister Selbst- und Fremdwahrnehmung abtun. Aber wenn man es genau bedenkt, repräsentiert er eine ganze Generation. Sein exaktes Alter ist ja nach wie vor ein Staatsgeheimnis, ich kann also nur mutmaßen, daß er vermutlich Mitte sechzig, eventuell Anfang siebzig sein dürfte. Setzt man die Spanne großzügig an, so steht Bernd stellvertretend für die Jahrgänge zwischen 1935 und 1950, damit könnte er Heidi Klums Vater sein. Mag sein, daß es in dieser Altersgruppe einige wirklich tolerante Freigeister gibt, allerdings dürften sie eine Minderheit bilden (wenigstens ist das mein Eindruck). Dieser Generation haftet eine eher starre Geisteshaltung an, die bei dem einen oder anderen ins Radikale abdriftet.
»Man kann Seal wohl kaum als Sozialschmarotzer bezeichnen!« antwortete ich. »Abgesehen davon wohnt er nicht mal in Deutschland.«
»Das wäre ja auch noch schöner!« wütete Bernd. »Es gab Zeiten, da hätte man Nigger wie den aufs Feld geschickt, wo er hingehört!«
»Nun komm mir nicht wieder mit diesem Gerede von Nietzsche und dem Übermenschen! Wir können froh und dankbar sein, heute in einem liberalen und weltoffenen Deutschland zu leben.« In früheren Telefonaten hatte er mit Vorliebe Nietzsche zitiert, aber leider inhaltlich nicht verstanden, was er da zum besten gab. Er fühlte sich als Angehöriger der »überlegenen Rasse«, eine äußerst bedenkliche Einstellung. Dabei beharrte er wie ein trotziges Kind auf seinem Standpunkt, so daß eine kritische Diskussion nicht möglich war.
»Dämliches Weibergeschwätz! Die Zeiten ändern sich! Die Sklaverei kommt wieder in Mode, wirst schon sehen!«
»Sicher«, meinte ich resignierend, »und die Hexenverbrennung ist auch so ein Brauch, den man wiedereinführen sollte?!« Natürlich meinte ich das ironisch, doch Bernd griff meine Aussage sofort auf:
»Es gibt eine Menge Traditionen, die man wiederentdecken wird! Es gab mal eine Zeit, da war es Brauch, Juden zu vergasen. Das kommt alles wieder, paß nur auf!« Das war selbst mir zu viel. Ich hatte genug. Ich wollte nur noch meine Sachen von ihm wiederbekommen und mich von diesem Mann mit seinen rechtsextremen Ansichten erholen. Ich beherrschte mich ein letztes Mal und sagte:
»Es wäre gut, wenn wir für einen Augenblick die Emotionen aus dem Gespräch nehmen könnten. Ich sagte ja schon, daß ich bereit wäre, den Vorfall in Bad Homburg zu vergessen, wenn du mir mein Eigentum umgehend zurückschickst. Außerdem fände ich es anständig von dir, wenn du wenigstens die Arztkosten übernehmen könntest.«
»Wozu willst du zum Arzt rennen, du Flittchen?! Willst du etwa andeuten, ich hätte dich vergewaltigt?« Es fiel mir unendlich schwer, die Ruhe zu bewahren. Er fühlte sich offensichtlich nicht nur von mir zurückgewiesen, sondern auch bedroht. Auf dieser Basis würde ich meine Sachen nie zurückbekommen. Ich würde sein angeschlagenes Ego ein wenig aufbauen müssen, falls ich vernünftig mit ihm reden wollte.
»Ist schon gut, Bernd, ich mache dir keinen Vorwurf. Man kann es sowieso nicht mehr ändern. Wenn du möchtest, gebe ich dir schriftlich, daß es keine Vergewaltigung war. Aber bitte, sei so nett, und schick mir meine Sachen zurück. Du kannst damit doch gar nichts anfangen. Und für mich ist das wirklich wichtig!«
»Komm doch nach Ibiza, und hol sie dir! Für dich rühre ich keinen Finger! Kannst froh sein, daß ich nicht mit dir abrechne!«
»Was soll das nun wieder heißen?«
»Das soll heißen: Sieh dich vor! Ich habe schon ganz andere Menschen aus dem Weg geräumt. In meiner Zeit als Geschäftsführer genügte ein Anruf, um Existenzen auszulöschen. Und wer dann immer noch nicht genug hatte, wurde ausradiert. Du kleine Kröte weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast! Komm mir in die Quere, und ich vernichte dich!« Es sagte das in einem seltsam ruhigen Ton. Zuvor hatte er sich aufgeregt, mich haltlos angebrüllt, doch nun wurde mir doch ein wenig angst und bange. Sicher, seine geschäftliche »Blütezeit« war lange vorbei. Inzwischen fühlte er sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und von den Frauen bedroht. Sein größter Wunsch, nämlich seinen Namen im Geschichtsbuch zu lesen, hatte sich nicht erfüllt. Er war geschieden und kinderlos. Ein trauriges Schicksal für einen Menschen, der nicht allein sein kann. Kein Wunder, daß er eine äußerst niedrige Frustrationstoleranz hatte. Aber diese letzte Bemerkung von ihm beunruhigte mich doch ein wenig. Schwache Charaktere blasen sich gern auf, machen gern Drohgebärden. Andererseits weiß man ja nie, was einen solchen Menschen umtreibt. Ich wollte gerade einen letzten Versuch unternehmen, ihm klarzumachen, wie dringend ich meine Sachen brauchte, da hatte er auch schon aufgelegt.
[Fortsetzung bzw. Kommentar zu diesem Artikel in: „Gewalt und Gegengewalt“]
(1) Von Neonazis und Heidi-Klum-Hassern, oder: Wieso alte Herren attraktive und selbstbewußte Frauen als Huren beschimpfen…
„Die Rechtschreibreform führt zur Verflachung der deutschen Sprache
und ist ein kostspieliger Unsinn.“ [Siegfried Lenz]
Fehler machen wir alle. Und zwar in jeder Sprache…
Ich mache meine Fehler am liebsten in der traditionellen Rechtschreibung!
[Carola Hipper]
Man muß Heidi Klum nicht unbedingt mögen, um zu erkennen, daß sie aus ihrem Talent das Maximum herausgeholt hat: Mit Fleiß und Beharrlichkeit hat sie es zum Top-Model gebracht, sie hat alternde Playboys überlebt und hinter sich gelassen, einen Partner gefunden, der sie respektiert und mit ihm eine Familie gegründet. Sie ist diszipliniert und geschäftstüchtig, dabei weltoffen und charmant – kurzum: selbst, wenn man Heidi nicht mag, muß man ihr Respekt zollen!
Wieso nun die blonde Heidi, an der selbst passionierte Rassisten und Rechtsextremisten eigentlich kein schlechtes Haar finden dürften, von alternden Nazis so gehaßt wird, möchte ich heute erzählen.
Ich berichtete schon ausführlich von meiner Begegnung mit dem Bad Homburger Soziopathen Bernd. Bad Homburg, das nur nebenbei, ist ein kleines, verschlafenes Städtchen in der Nähe von Frankfurt am Main. Angeblich soll dort die finanzielle Elite Hessens angesiedelt sein. Falls unser Elite-Soziopath jedoch stellvertretend für diese Gesellschaftsschicht steht, muß man annehmen, daß materieller Wohlstand (zumindest in Bad Homburg) mit geistiger Armut, sprich: Ignoranz, einhergeht. Wieso ich mich nach der brutalen Nötigung und der körperlichen und seelischen Gewalt, die von diesem Menschen ausging, überhaupt noch mit ihm auseinandergesetzt und was ich dabei so alles erlebt habe, berichte ich in diesem Beitrag. Tatsache ist, daß ich bei meiner (mehr oder weniger) kopflosen Flucht aus seiner Wohnung einige Sachen zurückließ, darunter nicht nur meinen »Notgroschen« (ein nicht ganz kleiner Bargeldbetrag), sondern auch mein Notebook und einen USB-Stick, auf dem lebenswichtige Daten und Dokumente gespeichert sind und den ich daher immer bei mir trage. Eine blöde Situation, aber nicht zu ändern. Ich konnte die leidige Geschichte also nicht einfach abhaken, sondern mußte mich gezwungenermaßen noch einmal mit diesem Mann befassen. Ich telefonierte ihm etwa zwei Wochen hinterher, bat x-mal um Rückruf, bis ich ihn endlich auf Ibiza erreichte. Was mir da entgegenwehte, war ein äußerst aggressiver Wind:
»Du wagst es, du dumme Nutte, mich anzurufen?!« fuhr er mich an. »Was willst du?«
»Tief durchatmen, sachlich bleiben«, dachte ich mir und sagte: »Eigentlich wollte ich vorschlagen, daß wir in aller Ruhe über die Angelegenheit sprechen, aber es scheint nicht der rechte Zeitpunkt zu sein. Daher möchte ich dich nur bitten, mir mein Eigentum zurückzugeben. Ich habe mich ohnehin gewundert, daß du das nicht längst getan hast.«
»Deine Klamotten habe ich verbrannt, du dämliche Kuh, du völlig verblödetes Miststück!« Nur zur Erinnerung: der Mann, der mich mit Vulgärausdrücken bedachte, bezeichnet sich selbst als »Ethikprofessor«: in seinem Profil gab er sich als Jurist aus, zudem behauptete er, ehemaliger Geschäftsführer diverser Firmen in Hessen und NRW gewesen zu sein!
Ich besann mich auf »das kleine Einmaleins der Psychologie«: Wer ausrastet, ist der Unterlegene. Der Machtvolle, also derjenige, der eine Situation beherrscht, hat es nicht nötig, laut oder gar aggressiv zu werden.
»Es tut mir leid, wenn dich die Zurückweisung verletzt haben sollte, Bernd, das lag nicht in meiner Absicht. Trotzdem solltest du einmal darüber nachdenken, daß es auch nicht gerade taktvoll war, deine körperliche Überlegenheit gegen mich einzusetzen. Ich habe noch immer starke Unterleibsschmerzen.«
»Ach, stell dich nicht so an! Ihr Weiber seid doch alle Huren, und alle Huren sind Abschaum! Du hast es nicht besser verdient! Sei froh, daß du meinen Körper berühren durftest!« keifte er.
(5) Parship & Co: Von elitären Internet-Partnerportalen und ihren Tücken – Ist Vergewaltigung heutzutage ein Kavaliersdelikt?
Am anderen Morgen kam mein Lustgreis gegen halb zehn schlaftrunken aus der Tür getorkelt. In seinem Hals steckte eine Zahnbürste, vermutlich das Schwesterstück des antiken Instruments, das ich bei der gestrigen Besichtigung des Badezimmers erspäht hatte. Hätte er den Anstand besessen, einen Bademantel überzuziehen, wäre mir der Anblick seines schlaffen, schwerfällig im Takt mit den rhythmischen Bewegungen seiner Hand wippenden Gemächts erspart geblieben. Eilends versuchte ich, den Blick abzuwenden, doch es war zu spät. Die Zahnbürste machte putzige Hüpfer in seinem Mund, und die schlaffen Hautlappen, die sich seine Hoden nennen durften, schlackerten beipflichtend. Dieser Anblick hinterließ vermutlich ein weitaus größeres Trauma als der Gewaltausbruch der letzten Nacht. Opi schlurfte in die Küche, nicht ohne mir ein kokettes Grinsen zuzuwerfen. Sodann ereilte mich der nächste Schock. Er hatte offenbar etwas vergessen, drehte sich auf dem Absatz um und gab die Sicht frei auf das, was, rein anatomisch, wohl sein Hintern gewesen sein muß. Anstelle eines knackigen Gesäßmuskels erblickte ich zu meinem Leidwesen zwei eingefallene Dellen, umrahmt von schrumpeligen Hautwülsten. In meiner Famulatur in der Urologie (vor vielen Jahren) hatte ich einiges zu sehen bekommen, und ich glaubte, daß ich so leicht nicht mehr zu erschrecken wäre. Aber diese Hinteransicht war schwerlich ein „Po“ zu nennen. Sicherlich war Bernd zu dünn für seine Größe (er maß knapp 1,90 m), und bei seiner Statur durfte man sicherlich keinen Knackarsch erwarten, doch das, was sich vor meinen ungläubigen Augen auftat, verdiente kaum die Bezeichnung „Gesäß“. Es war ein eingefallenes Nichts, das er voller Stolz durch den Raum trug, bis es hinter der Schlafzimmertür verschwand. Als er wieder heraustrat, grinste er noch immer.
„Könntest du dir bitte etwas anziehen“, bat ich. „Ich möchte mit dir reden.“ Er nahm die Zahnbürste für einen Augenblick aus dem Mund und sagte:
„Du hast wohl ein Problem mit Körperlichkeit! Sei bloß nicht so prüde! Wann bekommst du schon mal so ein Prachtexemplar von Mann unter die Augen!“
Umpf. Also ehrlich! Da bin ich fast blind vor Abscheu, und der Kerl findet sich unwiderstehlich! Ist das zu fassen?!
Nachdem er sein Teewasser aufgesetzt hatte, trottete er tatsächlich noch einmal ins Schlafzimmer und kam (dem Himmel sei dank!) mit einem Bademantel bekleidet wieder zurück. Ich suchte nach einem geeigneten Ansatz für ein vernünftiges Gespräch.
„Sag mal, wie kriegt man eigentlich die Fenster auf? Ich hab das leider nicht geschafft“, sagte ich.
„Die kann man nicht öffnen!“ sagte er.
„Aber wie lüftest du denn die Wohnung?“ wollte ich wissen.
„Ich lüfte nie.“ Tja, das erklärte zumindest den scheußlichen Muff.
„Ich brauche jetzt erst einmal einen ordentlichen Kaffee!“ sagte ich.
„Dann mach dir doch einen!“ gab er zur Antwort. Während ich in seinen Küchenschränken nach Kaffeepulver und Filtertüten suchte, entleerte er seinen Aschenbecher in die Spülmaschine. Hat man so etwas schon gesehen? Nein, nach diesem „Erlebnis-Dating“, das ich Parship verdankte, würde mich definitiv nichts und niemand mehr überraschen können, das stand fest! Ich würgte den Retortenkaffee aus der Espressomaschine die Kehle hinunter, während Bernd putzvergnügt eine Ananas verdrückte. Plötzlich sagte er:
„Und?!“
„Was, und?“ fragte ich.
„Wie war ich letzte Nacht?“ Er blickte mich erwartungsvoll an.
Nun war ich baff. Mein Körper war ein einziger blauer Fleck, und dieser Mann hatte die Nerven, mich zu fragen, ob er gut im Bett war?
„Ich brauche frische Luft!“ sagte ich knapp. „Laß uns im Park über alles sprechen!“
Draußen war es naßkalt und regnerisch. Das Wetter paßte zu meiner Stimmung. Wir liefen schweigend durch den Kurpark, jeder einzelne Schritt schmerzte, doch ich ließ mir nichts anmerken.
„Sage mal, Bernd, wieso hast du eigentlich nicht dein wahres Alter angegeben?“
„Was soll die dämliche Frage?“ entrüstete er sich.
„Ich habe auf dem Tisch die Postkarte gesehen. Früher oder später kommt so etwas doch raus. Ich verstehe nicht, wieso du lügst.“
„Im Internet lügen doch alle!“ sagte er patzig.
„Nein, ich habe nicht gelogen. Meine Angaben waren lückenlos korrekt.“
„Blödsinn!“ fuhr er mich an, „Du hast auch gelogen!“
„In welchem Punkt?“ Nun war ich neugierig.
„Du brauchst ja einen Visagisten!“ Aha, er versuchte es mit einem Schlag unter die Gürtellinie, wer hätte das gedacht! Ich hatte tatsächlich von seiner Sabberei über Nacht ein paar kleine Pickel und Hautrötungen bekommen, war aber dennoch ungeschminkt vor die Tür gegangen, weil ich das nicht so schlimm fand. Mein Körper reagiert natürlicherweise mit Abwehr, wenn ich einen Mann nicht mag. Zuneigung kann man nicht erzwingen. Die Haut eines Menschen lügt nicht.
„Das ist doch lächerlich!“ sagte ich.
„Außerdem hast du behauptet, du wärst schlank!“ wütete er.
„Nein“, antwortete ich. „Ich habe angegeben, daß ich 168 cm groß bin, 59 kg wiege und Kleidergröße 36/38 habe. Das ist die Wahrheit.“ Es war die Wahrheit! Ich habe weder Speckrollen am Bauch noch Reiterhosen, und meine Brüste sind auch mit vierzig noch immer klein, fest und resistent gegen die Schwerkraft. Ich bin nicht perfekt, aber ich bin auch nicht geliftet oder gebotoxt. Bisher war ich zufrieden mit mir. Aber es ging hier nicht um eine realistische Einschätzung meines Aussehens. Es ging um Macht und Ohnmacht. Das begriff ich sehr spät. Es ging um die Ohnmacht, die Bernd ganz offensichtlich empfand, wenn er sich keinem kleinen Mädchen, sondern einer ausgewachsenen Frau ausgesetzt sah. Er fühlte sich unterlegen, daher setzte er (erst physische, nun verbale) Gewalt ein, um mich zu erniedrigen.
„Du bist fett!“ keifte er und verschränkte die Arme vor der Brust wie ein trotziges Kleinkind. „Sei froh, daß du meinen Körper berühren durftest!“
„Sag mal, hast du wirklich nicht bemerkt, daß du mir letzte Nacht wehgetan hast?“ Ich begann zu begreifen, daß der Mann einen tiefen seelischen Knacks hatte.
„Dann hau doch ab, wenn ’s dir nicht gefallen hat! Ihr dämlichen Weiber, wißt doch nicht, was ihr wollt! Ich bin es gewöhnt, daß die Frauen um mich buhlen! Glaub ja nicht, daß ich auf dich dumme Kuh angewiesen bin!“ Ja, er war ganz Gentleman, das mußte ich ihm lassen.
„Findest du dein Verhalten nicht ein wenig kindisch?“ Diese Bemerkung konnte ich mir nicht verkneifen.
„Wer braucht euch schon, ihr blöden Weiber!“ Wild gestikulierend und schimpfend trabte er zurück zum Haus. Mit den Schmerzen in meinem Unterleib konnte ich nur mühsam mit ihm Schritthalten. Zurück in seiner Wohnung entging ich einer weiteren Auseinandersetzung, indem ich mir eiligst meinen Koffer schnappte, mich ins Auto setzte und so schnell wie möglich nach Hause fuhr.
Wer ist nun „kopfgeschlagen“ – er oder ich?
(4) Parship & Co: Von elitären Internet-Partnerportalen und ihren Tücken – Ist Vergewaltigung heutzutage ein Kavaliersdelikt?
[...]Wieder oben in seinem Wohnzimmer war es inzwischen halbeins. Er bat mich, mit ihm den Film zu Ende anzuschauen, und ich zuckte die Schultern. Doch urplötzlich zog er eine andere Saite auf. Keck meinte er: „Ich wette, du bist eine von der prüden Sorte, die nicht mal vernünftig küssen kann!“
Ich dachte: „Ist das nun eine Flegelei oder schlicht ein Versuch, mich von Ekelklo und Kakerlaken abzulenken?“
„Ich kann küssen!“ konterte ich. „Allerdings bin ich nicht in der Beweispflicht!“ Eins zu null für mich! Einmal mehr machte sich ein seltsames Grinsen über seinem Gesicht breit, das ich nicht recht deuten konnte. War es Verlegenheit? Spürte er meine Enttäuschung über die harte Realität? Ich hatte einen richtigen Mann erwartet, einen Menschen, der mit mir mithalten kann, geistig und körperlich. Doch dieser Mann, der sich am Telefon stets selbstbewußt gegeben hatte, saß nun vor mir, drahtig und steif, wie ein fleischgewordenes Denkmal seiner verknöcherten Gedanken. Er kam mir beinahe ein wenig lächerlich vor. Doch schon in dem Augenblick, als mich dieser Gedanke überkam, meldete sich das schlechte Gewissen. Mag sein, daß die Menschen nicht bewußt wahrnehmen, was ihr Gegenüber denkt, doch auf einer intuitiven Ebene läßt sich mehr Wahrheit erspüren, als man meint. Ich wollte nicht, daß er sich bemitleidenswert fühlte. Also nahm ich mich zusammen und versuchte, den Kopf leer zu bekommen.
„Reichst Du mir bitte die Flasche dort vom Tisch?“ bat er plötzlich mit einem verdächtigen Flackern in den Augen.
„Sicher, gern“, sagte ich artig und stand auf, um die Flasche zu seinem Platz zu bringen. Um sie jedoch auf den kleinen Tisch direkt neben ihm zu stellen, mußte ich mich leicht über ihn beugen. Da umschlang er mich plötzlich mit seinen langen, knochigen Beinen. Ich konnte die Flasche gerade noch sicher absetzen, da verlor ich auch schon das Gleichgewicht. Ich fiel vornüber und mußte mich an der Lehne seines Stuhles abstützen, um nicht auf ihn zu fallen. Es war eine seltsame Umklammerung, in der er mich festhielt. Ich versuchte, es mit Humor zu sehen, lächelte gequält und bat ihn, mich freundlichst loszulassen.
„Erst will ich sehen, ob deine Küsserei was taugt,“ sagte er in einem albern wirkenden Befehlston. Ich nahm ihn noch immer nicht ernst.
„Tja, Pech! Ich küsse keinen Raucher!“ erwiderte ich keck. Ich war mir der Lage, in der ich mich befand, überhaupt nicht bewußt.
„Dann kannst du auf dem Fußboden schlafen“, gab er fade grinsend zurück.
„Laß mich los, oder willst du mir das Rückgrat brechen?“ Nun doch etwas unleidlich versuchte ich mich aus seiner Umklammerung zu befreien, doch er hielt mich mit seinen Storchenbeinen fest umschlossen.
„Nur ein Kuß, dann laß ich Dich los!“ gab er zur Antwort.
„Von mir aus“, dachte ich, „von einem kleinen Kuß werde ich schon nicht sterben. Wenn ich dem alten Mann damit eine kleine Freude machen kann…“ [Hatte ich schon erwähnt, daß ich naiv, dämlich, gutmütig und total weltfremd bin?]
Er küßte noch mieser als er schmeckte. Sein Kuß verriet Unsicherheit. Er stellte sich an, als hätte er noch nie zuvor eine Frau geküßt. Es war kein bißchen zärtlich, sein Kuß war steif und ungelenk wie seine Körperhaltung. Er steckte mir seine steife Zunge in den Hals und zog sie dann mechanisch vor und zurück, als wolle er die geschlechtliche Penetration simulieren – grauenvoll! Schlechte Küsser sind miese Liebhaber, da bin ich mir sicher! Mit diesem Kuß hatte ich deutlich mehr über ihn in Erfahrung gebracht, als ich eigentlich wissen wollte! Er war nicht nur unaufmerksam und unhöflich, sondern auch steif und phantasielos. Strenggenommen war das keine Überraschung! Bernd war ein Mann, der sich als „großer Ethikprofessor“ (später stellte sich heraus, daß er zwar Jura studiert hatte, aber nicht bis zum Ende – habilitiert hatte er sich nie) bezeichnete, weil er die Todesstrafe befürwortete! Langsam begann ich zu begreifen, daß dieser Mann die Dinge, die ich für intellektuelle Wortplänkelei gehalten hatte, tatsächlich ernst meinte. Er glaubte wirklich, daß er ein großer Ethiker sei! Er glaubte wirklich, daß eine demokratisch organisierte Gesellschaft sich das Recht herausnehmen dürfe, die Todesstrafe zu verhängen. Das war keine intellektuelle Koketterie gewesen! Das war bitterer Ernst! Als ich ihm widersprochen hatte, weil man (nach meiner Auffassung) niemals einen Mörder mit Mord strafen kann, ohne selbst ebenfalls zum Mörder zu werden, hatte er wie ein beleidigtes Kind gewinselt: „Meine Frau muß meine Vorstellung von Moral und Ethik teilen!“
Ja, es war gut, daß er mir diesen Kuß abgerungen hatte. In jedem Kuß liegt ein Hauch von Seele, man spürt in einem Kuß mehr, als tausend Worte erklären können. In diesem Fall war es eine traurige Offenbarung. Ich löste mich aus seiner Umklammerung, er blickte von seinem Stuhl zu mir auf und sagte mit glänzenden Augen: „Mädchen, Du kannst ja wirklich küssen!“ Eine ironische Bemerkung formte sich in meinem Kopf, doch es gelang mir, sie unausgesprochen zu lassen.
„Ich bin wirklich sehr müde. Wenn du erlaubst, werde ich mich jetzt hinlegen.“ Insgeheim hoffte ich, er würde am Ende doch noch etwas Größe zeigen, mir das Schlafzimmer überlassen und sich ins Souterrain zurückziehen. Ich schnappte mir Zahnbürste und T-Shirt (ich trage niemals Nachthemden oder Schlafanzüge), verzog mich ins Bad und erledigte eine kleine Katzenwäsche. Dann schlüpfte ich ins Bett und zog die Decke über den Kopf. Leider war es in seinem Schlafzimmer nicht weniger stickig als im Rest der Wohnung. Die Bettwäsche roch auch nicht gerade frisch. So konnte ich nicht einschlafen. Ich stand auf und versuchte, das Fenster zu öffnen – vergeblich. Es klemmte. Ich drehte die Heizung ab und legte mich wieder hin. Kurz darauf war ich endlich eingeschlafen.
Ich erwachte jäh, als sich eine knochige Hand auf meine Brust legte und das weiche Gewebe unsanft quetschte. Mit einem unmutigen Schmerzensausruf schüttelte ich die Hand ab, doch sogleich legte sich eine zweite auf meine Hintern und kniff mich brutal ins Fleisch.
„Jetzt reicht´s aber! Finger weg!“ rief ich wütend aus, da bemerkte ich, daß er splitternackt war. Es war dunkel, viel sehen konnte ich (glücklicherweise!) nicht, aber meine Hand hatte seine nackte Haut gestreift, als ich versuchte, ihn abzuwehren.
„Ach, zier dich nicht so! Du willst es doch! Ihr Weiber steht doch alle auf die harte Tour!“ Ach du Schreck! Der meinte das ernst! Die Erkenntnis kam mir in dem Moment, als ein drahtiger Männerkörper sich auf mich wälzte. Ich weiß nicht mehr, ob mir von der Last seines Gewichts die Luft wegblieb oder von dem Odem seines Körpers. Er war tatsächlich nackt, und sein Körper roch seltsam muffig: es war der Gestank eines alten Mannes! Ehe ich recht begriff, in welche Lage ich da geraten war, versuchte er, mir seine Zunge in den Hals zu stecken. Angeekelt wandte ich den Kopf ab, da leckte er mir das Gesicht ab wie ein lüsterner alter Köter. Es entstand ein Handgemenge. Für wenige Momente bekam ich die Hände frei, versuchte, ihn wegzudrücken, rutschte ab, wandte mich vor Ekel. Er drückte mich auf die Matratze, seine spitzen Knochen umklammerten mich, er war viel zu schwer – ich hatte keine Chance! Mit einer Hand ergriff er meine Haare und hielt meinen Kopf ruhig, die andere Hand packte mein Handgelenk. Er zwang meine Hand nach unten, drückte sei an sein Glied.
„Da fühlst du, was ein echter Mann ist!“ Seine „Männlichkeit“ war glücklicherweise kaum erigiert, statt Hoden fühlte ich schlaffe Hautlappen. Verzweifelt versuchte ich, meine Hand aus der „Gefahrenzone“ zu ziehen, doch ich hatte ihn deutlich unterschätzt. Er war kein armer, alter Opi, sondern ein vergrämter, alter Mann, der tatsächlich glaubte, Frauen fänden es schön, überwältigt zu werden. Offensichtlich hatte ihm niemand beigebracht, daß erotische Überwältigungsszenarien auf großem Vertrauen und auf gegenseitigem Einvernehmen basieren, nicht auf brutaler Gewalt.
„Laß mich sofort los!“ zischte ich ihn an, doch meine Gegenwehr schien ihn nur noch mehr anzuspornen. Er zwang meine Beine auseinander und versuchte, mir sein halb erigiertes, nach Urin stinkendes Gemächt in den Unterleib zu pressen.
Als ihm das nicht sofort gelang, rammte er mir sein spitzes Knie in den Bauch, dann fuhr er mich an: „Ich geb dir schon, was du brauchst! Ihr Weiber seid doch allesamt Huren, und Huren sind Abschaum – ich werd ’s dir zeigen!“
Während er das sagte, half er mit der Hand nach und preßte seinen Penis in mich hinein. Der Schmerz war unerträglich. Aber es kam noch schlimmer. Mit unsagbarer Wucht ließ er sein Becken auf mich prallen, er rammte mir seine geballte Anatomie in den Unterleib, daß ich vor Schmerz aufstöhnte. Wieder und wieder stieß er zu, Tränen quollen mir aus den Augen, ich dachte, mein Uterus platzt auseinander, so schmerzvoll war die Penetration. Glücklicherweise dauerte die Prozedur nur Sekunden, nach wenigen Stößen war es vorbei. Nachdem er sein „Geschäft“ verrichtet hatte, rollte auf die Seite und ließ von mir ab. Ich lag da, wie betäubt vor Schmerz, ungläubig, als müsse ich jeden Moment aus einem bösen Traum erwachen. Und dann geschah das Unglaubliche: Er richtete sich noch einmal kurz auf, beugte sich zu mir und gab mir ein Küßchen auf die Wange, so, als sei gar nichts geschehen.
„Gute Nacht!“, wünschte er mir und schlief sofort ein. Ich war noch immer paralysiert von dem hämmernden Schmerz tief in meinem Unterleib. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bewegungslos dalag und in die Dunkelheit starrte. Ich wagte kaum zu atmen, wagte kaum zu denken. Endlich hörte ich ihn neben mir schnarchen. Stunden später hatte meine Erstarrung nachgelassen, ich richtete mich vorsichtig auf und huschte ins Bad, um mir seinen „Dreck“ abzuwaschen. Die hygienischen Verhältnisse der sanitären Anlagen waren mir inzwischen egal, ich wollte mich nur reinigen, mich des Gestankes, der an mir klebte, entledigen. Als es erledigt war, schlich ich hinaus ins Wohnzimmer. Ich versuchte, zur Besinnung zu kommen. Was war geschehen? Mein Körper schmerzte entsetzlich, ich war übersät mit Hämatomen, also hatte ich die Sache keinesfalls geträumt. Aber wie um Himmels willen konnte er sich einfach umdrehen und so tun, als wäre gar nichts passiert? Glaubte er denn wirklich, daß Frauen auf Gewalt stehen? Eines aber war mir völlig klar: Ich war selber schuld an der Situation. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Offensichtlich hatte ich den „armen, alten Opi“ gehörig unterschätzt. Ich dachte wirklich, daß ein Mensch, der Tiere mag (Bernd besaß ein Pferd, einen Hund und eine Katze), im Grunde nicht wirklich schlecht sein könne. Vielleicht war er bloß dumm und völlig frustriert, weil er keinen Erfolg bei den Frauen hatte? Vielleicht glaubte er diesen Unsinn, daß Frauen allesamt Huren seien, die sich danach sehnten, vergewaltigt zu werden, tatsächlich?
Hätte ich meine Freundin Angie in dieser Nacht angerufen, wäre mir eine Standpauke sicher gewesen. „Frauen suchen immer die Schuld bei sich, wenn der Mann sich als Arschloch erweist! Hör bloß auf, ihn zu therapieren – du schuldest dem Mann absolut nichts!“ Genau das bekam ich von ihr zu hören, als ich wieder zu Hause war. Aber noch wanderte ich unruhig in seinem stickigen Wohnzimmer auf und ab und fragte mich, was ich jetzt tun sollte? Mich ins Auto setzen und heimfahren? Ich war viel zu verstört, um den Weg zur Autobahn zu finden. Ins Krankenhaus fahren und mich untersuchen lassen? In diesem Einbahnstraßendschungel hatte ich ja kaum hergefunden, wie sollte ich da herausfinden, wo das Krankenhaus ist (falls es überhaupt in dieser kleinen Stadt eines gab). Und überhaupt. Was hätte ich denn sagen sollen, wenn man mich fragt: „Wie, Sie kennen den Mann nicht und übernachten so einfach in seiner Wohnung? Sind Sie denn völlig verblödet?“
„Tja“, hätte ich antworten können, „tut mir leid, aber mein Intelligenzquotient ist so hoch, daß mein Verstand leider zu kurz gekommen ist!“ Na gut, mochte ich ein wenig dämlich gewesen sein. Aber wenigstens würde ich mich nicht feige verdrücken, ohne ihm gehörig die Meinung gesagt zu haben. Vier Wochen lang hatte ich mich mit dem Mann befaßt und ihn durchaus liebgewonnen, soweit man das sagen kann. Ich würde mich jetzt nicht davonstehlen wie ein Dieb in der Nacht! Im Gegenteil: Ich würde ihn am nächsten Morgen mit seinem Verhalten konfrontieren! Grün und blau war ich ja schon, nun hatte ich nichts mehr zu verlieren (dachte ich).
So lief ich also weiter in seinem Wohnzimmer auf- und ab. Dabei fiel mir auf, daß es auch hier so heiß und stickig war, daß ich kaum Luft bekam. Ich drehte alle Heizkörper ab und versuchte, eines der Fenster zu öffnen. Keine Chance! Ein kluger Handwerker hatte den Teppich so „geschickt“ verlegt, daß sich die Fenstertüren nicht mehr öffnen ließen. Nicht einmal eine Kippmöglichkeit gab es. Ich fragte mich langsam, ob Bernd schon mal etwas davon gehört hatte, daß man eine Wohnung gelegentlich lüften sollte? Schließlich gelang es mir, eine der Flügeltüren unter Gewaltanwendung wenigstens einen winzigen Spalt zu öffnen. Im hinteren Bereich der Wohnung befand sich, unweit des Schreibtisches, ein weiteres Fenster, das jedoch von einer gigantischen Palme verdeckt wurde. Bei dem vergeblichen Versuch, die Pflanze vom Fenster wegzurücken, fiel mein Blick auf den Schreibtisch. Da lag ein kleiner Stapel grüner Geldscheine, offenbar alles Hunderter. Ich knipste die Schreibtischlampe an und vergewisserte mich, daß es Bargeld war, das dort lag, denn ich traute meinen Augen kaum.
„Wie dämlich!“, dachte ich. Das Geld offen auf dem Schreibtisch liegenzulassen! Ich hatte zwar in meinen finanziell üppigen Zeiten (ich hatte zwei Erbschaften gemacht) auch gelegentlich Bargeld im Hause gehabt, einmal sogar fünfzigtausend Euro, aber ich hätte das Geld niemals offen auf dem Tisch herumliegen lassen. Was bezweckte er damit? Nach Höhe des kleinen Stapels geschätzt, konnten es etwa drei- oder viertausend Euro sein. Anrühren oder gar zählen wollte ich es nicht, aber meine Schätzung war vermutlich recht präzise. Da ich immer meinen Notgroschen bei mir hatte (ja, auch ich bin ein bisserl schrullig), kann ich Geldmengen ganz gut einschätzen. Ich trug zu dieser Zeit stets einen Umschlag mit Bargeld bei mir, falls ich mal einen Unfall hätte und notoperiert werden müßte. In diesem Fall könnte das Krankenhaus das Geld für die Kosten verwenden, auch wenn ich nicht mehr zu Bewußtsein kommen sollte. Das klingt wirklich ein wenig schrullig, finde ich aber sinnvoll, zumal ich Selbstzahlerin bin/war. Zwanzigtausend Euro in Fünfhundertern bilden einen kleinen Stapel, der locker in einen Briefumschlag paßt und sich leicht hinter dem Gürtel tragen läßt. Gut, Bernd ließ sein Bargeld also offen auf dem Schreibtisch herumliegen. Vermutlich, um mich zu „testen“, denn am Abend zuvor lag das Geld noch nicht dort, da war ich mir sicher. Aber nicht nur das Geld lag dort. Noch etwas lag offen auf dem Tisch. Eine Postkarte, die er zwecks Teilnahme an einem Preisausschreiben aufgefüllt und unterschrieben hatte. Sogar sein Geburtsdatum hatte er eingetragen: demnach war er 1948 geboren, also 59 Jahre alt. Da hatte er sich also in seinem Profil locker acht Jahre jüngergeschummelt. Sollte mich das noch überraschen? Wohl kaum, allerdings vermutete ich, daß auch dieses Datum „geschönt“ war, denn in natura wirkte er älter als 59. Da hatten wir ihn also: einen jugendlichen Fünfziger, Nichtraucher, ein vollendeter Gentleman, Hochstapler und notorischer Lügner! Greifen Sie zu, meine Damen! Bei Parship bekommen Sie etwas geboten für Ihr Geld! Als ich die Karte betrachtete, mußte ich plötzlich lachen! Die Situation war aber auch zu komisch! Da entschließe ich mich, auf die große Liebe zu verzichten, um wenigstens noch eine Familie gründen zu können und gerate ausgerechnet an einen verknöcherten Lustgreis mit Profilneurose! „Wenn ich nicht solche Unterleibsschmerzen hätte, würde ich mich jetzt über meine eigene Dummheit totlachen!“ dachte ich und versuchte mein Zwerchfell im Zaum zu halten. Wenn es einen Gott gibt, muß er wahrhaftig Sinn für Humor haben! Tja, wie man sich bettet, so liegt man.–
Oder: Von der kleinen Lüge zur Vergewaltigung ist es offenbar nur ein kleiner Schritt…
Klarer Fall von „Kopfgeschlagen“?!?
(3) Parship & Co: Von elitären Internet-Partnerportalen und ihren Tücken – Ist Vergewaltigung heutzutage ein Kavaliersdelikt?
Nun hatte ich also zwölf Tage mit einem älteren Herrn vor mir, der sich für Gottes Geschenk an die Frauen hielt. So ähnlich hatte er sich am Telefon beschrieben – und ich hatte sein seltsames Gebaren tatsächlich für Flachserei gehalten. Leider hatte ich nicht begriffen, daß dieser Mann absolut keinen Humor besaß. Humor erfordert nämlich ein Minimum an Intelligenz und Weltoffenheit.
Er bat mich nun also in sein Wohnzimmer. Gleich darauf folgte die nächste Ernüchterung: Er hatte bloß Alkohol im Haus. Keine Fruchtsäfte, nicht einmal Mineralwasser. Ich kam um vor Durst. Er kramte aus einem Vorratsschrank eine halbleere Flasche Heilwasser und schenkte mir daraus ein. Das Wasser schmeckte abgestanden und fade, aber ich wollte nicht unhöflich sein, also würgte ich es hinunter und schwieg. Auf dem Fernsehschirm lief „Jenseits von Afrika“ in grauenvoller Qualität. Eine alte Videokopie, erläuterte er, während er an seinem Cognac nippte. Im Aschenbecher türmten sich die Kippen, der Mann war Kettenraucher, garantiert, aber sollte mich das noch wundern?
Dann folgte der nächste Schreck: Das Badezimmer befand sich im hintersten Teil seiner Wohnung. Man mußte sein Schlafzimmer durchqueren, um dorthin zu gelangen. Fein, dachte ich mir, was, wenn ich in der Nacht mal für kleine Königstiger muß? Soll ich ihn dann wecken? Aber damit nicht genug. Zwischen Schlafzimmer und Bad gab es keine Tür! Ha! Klasse! Man konnte sich zum kleinen Geschäft nicht einmal einschließen – na prima! Haltet mich ruhig für eine Etepetete-Nörgelkuh, aber selbst, wenn ich mit einem Mann liiert bin und nachts innig vereint mit ihm in den Laken liege, möchte ich mein Geschäft hinter verschlossenen Türen verrichten. Intimität ist gut fürs Bett, aber nicht fürs Klo! Jedenfalls möchte ich nicht so gern vor völlig fremden Ohren ins Becken pinkeln, geschweige Größeres verrichten. Da sind wir auch schon beim nächsten Thema: Hygiene. Eine Tür gab es nicht, bloß so ein Plastik-Falt-Ding, das aber nicht funktionierte. Da die Natur drängte, nahm ich die offenherzige Architektur in Kauf. Was blieb mir auch übrig? Als ich den Deckel anhob, dachte ich, ich wäre auf dem Bahnhofsklo gelandet: Die Schüssel enthielt nicht etwa „diskrete Bremsspuren“, das waren schon eher fossile Überreste eines Dinosaurier-Enddarmes, die mir da ins Auge fielen. Angeblich hatte Bernd eine Putzfrau, doch die schien seit Wochen diese heiligen Hallen nicht mehr betreten zu haben. Also wirklich nicht, nein danke! Angewidert ließ ich den Deckel auf die Brille fallen und wandte mich der Waschzeile zu. Ich war noch immer durstig und dachte: „Ein Schluck Leitungswasser schmeckt garantiert besser als das abgestandene Zeug aus der Flasche.“ Ich mache also Licht an und greife nach einem Zahnputzbecher aus Keramik. Gut, daß ich immer erst in ein Glas hineinschaue, bevor ich es mit Flüssigkeit befülle! Im Inneren des Gefäßes befand sich ein dicker Belag von Bakterien und Staub. Igitt! Die Waschbecken hätten im übrigen auch ganz gern mal wieder einen Lappen gesehen. Und was war das? Da stand eine elektrische Zahnbürste mit Borsten, so vergilbt und ausgeleiert, daß ich annehmen mußte, der Bürstenkopf sei ein antikes Erbstück von seinem Großvater!
Das war einstweilen genug für mich. Ich begab mich unverrichteter Dinge zurück ins Wohnzimmer, wo mein Gastgeber bereits die nächste Zigarette angezündet hatte und munter an seinem Glas nippte. Er blickte mich aus glasigen Triefaugen an, als ich ihn (so behutsam es mir nur möglich war) bat, doch bitte wenigstens die Toilette kurz zu reinigen, bevor ich sie benutze.
„Putz sie doch selbst!“ erwiderte er trocken und fügte dann hinzu: „Oder geh aufs Plumpsklo im Flur.“
Gesagt, getan. Aber woher sollte ich schließlich wissen, daß es draußen im Hausflur eine Gästetoilette gab. Egal, ich war müde und mein Konfirmandenbläschen drängte. Das Gästeklo, das offenbar auch seinen Mietern im Haus zugänglich war, verfügte sinnigerweise nicht über Toilettenpapier, dafür war es immerhin nur leicht verschmutzt. Dennoch wäre ich eher gestorben als mich auf die Brille zu setzen. So ganz allein im dunklen Hausflur fragte ich mich, wie ein Mensch in solch gruseligen Verhältnissen leben konnte. Immerhin war er angeblich früher einmal Geschäftsführer eines größeren Konzerns gewesen. Er hatte angeblich Jura studiert, ganz und gar dämlich konnte er nicht sein. Was in seinem Kopf vorging, war mir schleierhaft. Ich wäre eher gestorben, als meinen Gästen ein vollgeschissenes Klo zu präsentieren! Und dann soll ich als sein Gast seinen Dreck auch noch wegputzen! Am liebsten hätte ich meinen Koffer geschnappt und wäre nach Hause gefahren. Aber im übermüdeten Zustand hätte ich es nicht mehr bis Bochum geschafft. Das wäre zu gefährlich gewesen.
Als ich meine Blase erleichtert hatte, wollte ich zurück in die Wohnung, doch – upps! Die Tür war ins Schloß gefallen. Also klingelte ich. Und klingelte, und klingelte. Niemand öffnete. Zehn Minuten fror ich mir im eiskalten Flur die Lippen blau, dann endlich öffnete er. Ich vermute, daß er bereits schwerhörig war und das Läuten nicht gehört hatte. Nun bat ich ihn ohne weitere Umschweife, mir das Gästebett, das ich auf einer anderen Etage vermutete, zu zeigen. Er grinste wissend und führte mich ins Souterrain. Dort, in einem nach Schimmel riechenden Kellerraum lag eine alte Matratze auf dem Boden.
„Da schlafen also deine Kakerlaken!“, hätte ich am liebsten ausgerufen, doch da ich mich nicht wie die Axt im Walde aufführen wollte, schwieg ich.
„Wenn dir das nicht gefällt, kannst du in der freien Hälfte meines Bettes schlafen,“ sagte er gönnerhaft.
„Gibt es dort wenigstens Bettzeug?“ fragte ich argwöhnisch. Er nickte.
„Gut“, dachte ich mir, „hier in dieser Spukspelunke übernachte ich jedenfalls nicht“.
[Weiter in Teil 4]
(2) Parship & Co: Von elitären Internet-Partnerportalen und ihren Tücken – Ist Vergewaltigung heutzutage ein Kavaliersdelikt?
Im Januar 2007 meldete ich mich also bei Parship an (war mein allererstes Mal bei einer Partnerbörse). Neugier spielte eine nicht ganz unwesentliche Rolle, zumal mein ehemaliger Anlageberater (mittlerweile hab ich nix mehr anzulegen) lustige Stories über Parship erzählte. Kaum hatte ich mein Profil erstellt und ein Foto hochgeladen, da bekam ich auch schon eine Offerte von einem angeblichen Privatier aus Bad Homburg. Im ersten Telefonat war er höflich, seine Stimme klang angenehm, ja, ich mochte ihn. Das zweite Telefonat zeigte, daß der Mann keine Zeit verlieren wollte: Er sagte, er wolle so rasch wie möglich „ankommen“, nämlich heiraten (er war geschieden und kinderlos) und eine Familie gründen. Nun gut, dachte ich mir. Man muß nach vorn sehen. Mit dem Mann meines Lebens, meiner großen Liebe, klappte es aus verschiedenen Gründen nicht. Ihn, also meinen Liebsten, hätte ich sofort geheiratet, aber unsere Geschichte ist sehr kompliziert. Daher gab es für mich zur Zeit meiner Parship-Anmeldung nur noch einen einzigen Grund zu heiraten: nämlich die Gründung einer Familie mit Kindern. Ansonsten halte ich die Besiegelung einer Beziehung per Vertragsschluß für überflüssig. Treue erfordert kein Ehegelöbnis, aber Kindern sollte man schon einen sicheren Rahmen bieten, da bin ich durchaus konservativ. Mein Eindruck ist, daß Männer es mit dem Heiraten stets so eilig haben, weil sie ihre Partnerin „dingfest“ machen wollen. Dabei gibt es im Leben keine Sicherheiten. Man ist gegen unerwartete Ereignisse nie gefeit. Schon gar nicht mit Trauschein. Aber gut, das soll jeder für sich entscheiden.
Mein Verehrer jedenfalls hieß Bernd S. (Name geändert), nannte sich „jugendlicher Fünfziger“ und schien ein netter Kerl zu sein, ein wenig verbohrt vielleicht, aber damit hätte ich leben können. Der Altersunterschied schreckte mich nicht besonders, denn solange man sich versteht, spielt das Alter keine große Rolle für mich. Ich ahnte ja nicht, daß ich einen Hochstapler und gleichsam einen notorischen Lügner vor mir hatte. Leider, leider entpuppte sich mein „Verehrer“ zu spät als Berufsopportunist, der nach außen den integeren Mann mimte.
Vier Wochen lang telefonierten wir täglich. Er rief mich aus Ibiza an, denn dort befand sich sein Zweitwohnsitz (er hielt sich im Winter gern in Spanien auf). Daher konnten wir uns auch nicht sofort persönlich treffen. Wochenlang bearbeitete er mich mit seinen sehr vorgefaßten Vorstellungen vom Zusammenleben, „testete“ mich mit kleinen Diskussionen über Politik und fragte mich gehörig aus. Ich bin geduldig, lasse mir vieles gefallen, bevor mir der Kragen platzt. Vielleicht wollte ich mir die positive Einstellung nicht trüben lassen, denn ich stand Anfang 2007 kurz vor meiner Unternehmensgründung, für die ich zwei Jahre lang hart geschuftet hatte. Habe alles selbst finanziert, alle Vorbereitungen ohne Kredite bewerkstelligt, kurzum: ich war richtig optimistisch und voller Energie, da hätte mir eine neue Beziehung gut is Konzept gepaßt.
Bernd wollte unbedingt im März mit mir für ein halbes Jahr nach Afrika fahren und das nächste Weihnachtsfest als „Mann und Frau“ mit mir verbringen. Das alles hatte er in seinem Kopf vorausgeplant, ohne mich persönlich gesehen zu haben. Ganz hübsches Tempo hatte der Mann drauf!
Im Grunde meines Herzens glaube ich daran, daß man ruhig mal alte Gewohnheiten über Bord werfen und etwas Verrücktes wagen sollte. Tja, das sage ich, die langweilige Spießerin, die das Leben am liebsten in geordneten Bahnen verlaufen sieht (geordnet, nicht zementiert!). Abenteuerlust und Neugier hin oder her: Mir ging das zu schnell. Ich bat ihn, doch bitte erst einmal für ein paar Tage nach Deutschland zu kommen, damit wir uns in aller Ruhe kennenlernen könnten. Anfang Februar war es dann soweit: Er plante, nach Deutschland zu kommen, um mich kennenzulernen. Zwölf Tage wollte er mit mir verbringen, bevor er wieder nach Spanien zurück mußte. Ich freute mich auf Kino, Konzerte, Ausstellungen, Oper in Frankfurt, eine interessante Stadt, die ich gern mit einem „Eingeborenen“ kennengelernt hätte.
Inzwischen war ich mit dem Gedanken, mein Leben komplett umzukrempeln, warmgeworden. Afrika ist eine Reise wert, wer würde das bestreiten? Andererseits hätte ich schwerlich gleich meine Arbeit hinwerfen und alles stehen- und liegenlassen können. Die laufenden Kosten müssen schließlich auch irgendwie gedeckt sein. So einfach kann man einer Laune nicht nachgeben.
Ich versuchte mir nun also einzureden, daß ich mich von jetzt auf gleich neu verlieben könnte, doch irgend etwas stimmte nicht mit diesem Bernd. Ich wußte nur nicht, was es war. Bereits in unseren Telefonaten hatte ich bemerkt, daß er rauchte, was ja kein Verbrechen ist, aber doch seltsam, da er sich in seinem Profil ausdrücklich als „Nichtraucher“ ausgab. Die Sache war schnell geklärt. Er gab nach kurzem Zögern zu, Raucher zu sein. Ich sagte, daß ich keinesfalls mit einem Raucher in einem gemeinsamen Haushalt leben könnte. Mein Vater war Kettenraucher, ich weiß, was das bedeutet. Bernd schwor mir, das Rauchen aufzugeben, wenn ich im Gegenzug meine Zelte in Bochum abbrechen würde. Gut, gut. Immer langsam, erstmal kennenlernen!
Er verlangte weiterhin, daß ich alsbald mit ihm nach Bad Homburg bzw. Ibiza ziehen müßte, falls wir uns näherkämen. Und das alles plante er, bevor wir uns persönlich gesehen hatten. Ein paar Fotos hatten wir ausgetauscht, mehr nicht. Endlich war es dann soweit: Am Abend des elften Februar 2007 brauste ich mit meinem rot-weißen BMW-Mini Cooper nach Bad Homburg, um Bernd zu treffen. Er wohnte in der Innenstadt direkt am Kurpark. Als ich aus dem Auto stieg und ihn im Türrahmen stehen sah, gab es ein seltsames Erwachen: Dieser Mann war auf keinen Fall Anfang Fünfzig. Mitte bis Ende sechzig paßte schon eher. Groß (1,90 m) und viel zu dünn war er, drahtig geradezu, sein Haar war grau mit altmodischen Tante-Käthe-Löckchen (dieser Look erinnerte verdächtig an Atze Schröder, fast ein bißchen prollig wirkte er auf mich), seine Haltung steif wie es bei Senioren häufig vorkommt, die Bewegungen eckig und ungelenk. Kurzum: er war ein alter Mann! Zehn Jahre Altersunterschied hätte ich mir noch gefallen lassen, von mir aus auch mehr, wenn er dabei attraktiv und vital gewirkt hätte, aber hier stand ich nun, erschöpft von der zweistündigen Autofahrt durch den strömenden Regen – und vor mir lagen: zwölf Tage mit einem Opa!
Gut, also, die Suppe hatte ich mir selbst eingebrockt (hätte wohl doch nach seinem Ausweis fragen sollen), aber nun hieß es: Bloß keinen Rückzieher machen, denn das wäre feige! Zumeist hatte er sich in den Gesprächen anständig benommen, ich schuldete ihm Höflichkeit, so dachte ich.
Andererseits legte er gelegentlich ein seltsam diktatorisches Gehabe an den Tag, nannte mich »blöde Kuh«, weil ich nicht sofort alles hingeschmissen und zu ihm nach Ibiza geflogen war, beschimpfte mich als »selten dämlich« als ich ihm erzählte, daß ich an einem großen Fantasyepos (, das ich manchmal pathetische „mein Lebenswerk“ nenne) arbeite. Er selbst zitierte gern Nietzsche, ohne jedoch den Sinngehalt der zitierten Passagen verstanden zu haben. Ständig versuchte er, mir die Welt zu erklären, mir einzureden, meine Heimat Nordrhein-Westfalen sei nicht mehr als ein Asyl für gescheiterte Existenzen und Sozialhilfeempfänger, man solle dieses Bundesland am besten bombardieren und bloß Düsseldorf stehenlassen und er werde mich da „rausholen“, mich quasi retten. Wenn er solche Sprüche brachte, lachte ich darüber, dachte: „Der vereimert mich doch! Das kann er unmöglich ernst meinen!“ Tja, zuweilen fällt der Groschen bei mir pfennigweise…
Jetzt und hier, beim Schreiben, verstehe ich kaum mehr, wieso ich mich mit diesem frustrierten, alten Mann überhaupt getroffen habe. Vermutlich war mein Wunsch nach einer ganz „normalen“ Zweierkiste unbewußt doch ein wenig größer als ich dachte. Ich war die dramatischen Beinahe-Lover, die mich in der Vergangenheit anbeten und auf ein Podest stellen wollten (und regelmäßig bei mir abblitzten), so unglaublich leid.
Jedenfalls war ich nun schon einmal in Bad Homburg und entschlossen, das Beste draus zu machen. Ich wollte Bernd nicht verletzen, daher ließ ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken. Übernachten mußte ich ja sowieso bei ihm, denn es war schon fast Mitternacht und damit zu spät für die Heimfahrt. Ich war völlig übermüdet und beschloß, alle weiteren Gedanken und ggf. eine kleine, vorsichtige Aussprache „auf morgen“ zu verschieben. Zuvor am Telefon hatte ich ihm charmant, aber in aller Deutlichkeit klargemacht, daß Sex auf keinen Fall zum Rahmenprogramm gehörte. Und das nicht etwa, weil ich nicht verhütete (ich habe noch nie die Pille genommen), sondern weil ich ihn erst besser kennenlernen wollte, bevor die körperliche Annäherung überhaupt in Frage kam. Außerdem (aber das erwähnte ich nicht) hätte ich ihm vorher gern einen HIV-Test abverlangt. Männer, die sich betont seriös und konservativ geben, haben es oft faustdick hinter den Ohren. Überdies wußte ich, daß seine geschiedene Frau Gebärmutterhalskrebs hatte (sie wurde zwar geheilt, aber der Uterus mußte reseziert werden), was bedeutet, daß sie eine Infektion mit HPV-Viren gehabt haben mußte, denn diese Krebsform wird von Viren verursacht und durch Geschlechtsverkehr übertragen. Der Partner hat somit ebenfalls HPV-Viren, die aber bei Männern nicht zu Krebs führen, also harmlos sind, soweit ich weiß. Männer werden lediglich zu Überträgern der Viren, daher auch meine Vorsicht. Ich wußte ja schließlich nicht, wie lange er schon geschieden war. Nun gebe ich zu, daß man über solche Dinge nicht unbedingt vor der ersten Verabredung spricht, aber für mich stand schon vor unserer Begegnung felsenfest, daß ich auf keinen Fall mit ihm schlafen würde, bevor der Virenstatus abgeklärt ist. Als ich ihn dann bei meiner Ankunft in der Tür stehen sah, hatte sich das Thema Sex für mich sowieso erledigt. Mag ich auch generell eher ein Kopfmensch sein, wenn ich mich entschließe, „körperlich“ zu werden, dann muß es leidenschaftlich und intensiv sein. Ich muß den Mann von Herzen lieben, One-Night-Stands sind nichts, was mich je gereizt hätte. Ich brauche eine gewisse wohlige Wärme, ein Gefühl von Geborgenheit, und wenn das gegeben ist, bin ich durchaus experimentierfreudig. Mit Herby, der Liebe meines Lebens habe ich sogar Tantra-Sex ausprobiert, und das obwohl er als braver Katholik (allerdings auch Urologie-Professor) vermutlich gar nicht wußte, was ich da mit ihm anstellte…Doch jetzt und hier, mit einem Mann, der aussah, als hätte er mein Großvater sein können (mindestens mein Vater), trieb mir allein der Gedanke an Sex den kalten Schweiß über den Rücken.
Wie dem auch sei: Die Suppe mußte ausgelöffelt werden. Kaum hatte ich meinen Koffer über die Schwelle seiner Wohnung geschleppt, stieg mir auch schon ein muffiger Geruch in die Nase. Es war ein Gemisch aus verbrauchter Luft und Nikotingestank. Die Wohnung selbst war kaum größer als meine Wohnung in Bochum, knapp 100 qm vielleicht, aber ungünstig geschnitten und düster eingerichtet. Seine „Stadtvilla“ entpuppte sich als ein schlecht renovierter Altbau mit gammeligen Holzfenstern. Das sagte ich ihm natürlich nicht, denn ich hatte nicht vor, meine Enttäuschung über seinen Mangel an Stil und Geschmack allzu offen kundzutun. Ihn auf sein Alter anzusprechen, traute ich mich ebensowenig, denn immerhin war es ja möglich, daß er die Wahrheit gesagt hatte und wirklich erst Anfang fünfzig war. Die Haut vieler Raucher altert deutlich schneller als es bei Nichtrauchern der Fall ist, also hätte er strenggenommen schlicht vorgealtert sein können. Und Männer sind ja zumeinst sehr „heikel“, wenn es um ihr Alter geht.
[Weiter in Teil 3]
(1) Parship & Co: Von elitären Internet-Partnerportalen und ihren Tücken – Ist Vergewaltigung heutzutage ein Kavaliersdelikt?
Ich bin zur Zeit „housebound“, verlasse meine Wohnung nur um die nötigsten Besorgungen zu machen (und das am besten im Schutz der Dunkelheit). Wenn es an der Tür klingelt (was glücklicherweise selten passiert) kann es gut sein, daß ich mit einer Panikattacke zusammenbreche. Besuchen kann man mich nur nach telefonischer Vorankündigung, sonst bekomme ich einen (Beinahe-)Herzinfarkt. In die Straßenbahn traue ich mich nicht (wegen der vielen Menschen), meine Ersparnisse sind aufgebraucht, mein Auto (einen chiliroten Mini-Cooper mit weißem Dach, den ich echt geliebt habe) mußte ich verkaufen, alle Versicherungen habe ich aufgelöst und einfach alles bei Ebay zu Geld gemacht, was irgendwie ging, damit ich mich nach meiner Vergewaltigung im Februar 2007 so einigermaßen über Wasser halten konnte. Es ist nicht das erste Mal, daß ein frustrierter Mann, den ich abgewiesen habe, „ausrastet“ und über mich herfällt. 2002 hatte ich ein ähnliches Erlebnis (ich werde später davon berichten), daher weiß ich, daß ich zwei, vielleicht drei Jahre brauche, um meine sozialen Kontakte wiederaufzunehmen und einigermaßen angstfrei durchs Leben zu gehen. Meinem Freund/Liebsten habe ich erst im Sommer dieses Jahres davon berichtet, denn innerlich versuche ich schon seit längerem, von ihm wegzukommen, was mir aber nie gelungen ist. Rein intellektuell ist mir klar, daß man sich nicht von jemandem lösen kann, indem man sich bei Parship einlogged und neue Bekanntschaften schließt, aber anders werde ich es vermutlich nie schaffen (wir kennen uns 14 Jahre und haben so einiges miteinander durchgemacht). [Nur, um das kurz zu klären: Nach der Vergewaltigung habe ich einen HIV-Test gemacht, der zum Glück negativ war. Angezeigt habe ich den Mann aus verschiedenen Gründen nicht. Ein Grund war seine Ankündigung, er werden mich „vernichten“, falls ich ihm Schwierigkeiten machen würde.]
Parship, Elite.de und viele andere Internet-Partnerbörsen liegen voll im Trend. Anklicken, Flashen, Flirten, virtuelle Küßchen geben – alles scheint möglich. Gerade Parship&Co. bieten meines Erachtens einen teuren Dienst für wenig Leistung. Der Psychotest ist (ihr dürft mir gern widersprechen) ein Witz, allenfalls ein Zeitvertreib, aber sicherlich kein Indiz für die charakterliche Übereinstimmung von zwei Menschen. Ebensogut könnte man einen Partner nach astrologischen Gesichtspunkten auswählen. Gut, Psychotests vermitteln den Teilnehmern ein „gutes Gefühl“ und den Eindruck, man bekäme was fürs Geld. Nach meiner Erfahrung ist das reine Geschmackssache. Durch die Tests soll zudem eine Aura von Kompetenz und Erfahrung geschaffen werden, tatsächlich sind solche Tests aber – da leicht durchschau- und beeinflußbar – als reine Spielerei zu betrachten. Jeder kann bei dem Test lügen. Wer will das überprüfen? Die Mitglieder der diversen Partnerportale werden jedenfalls gehörig zur Kasse gebeten, doch auf Seriosität überprüft werden sie nicht. Nicht einmal die essentiellen Daten wie Alter oder Wohnsitz werden von den Internet-Agenturen nachgeprüft.
Wenn ich einen Menschen kennenlernen möchte (egal, auf welchem Wege), muß ich ihm einen Vertrauensvorschub geben, denn Mißtrauen erstickt jede Annährung im Keim. Es ist kaum möglich, nach dem ersten Telefonat zu sagen: „Hey, ich mag dich. Drum fax mir doch bitte eine Kopie deines Personalausweises, damit ich sehen kann, ob die Eckdaten stimmen.“ So etwas macht kein Mensch, weil die Vertrauensbasis damit sofort untergraben wäre. Also zahlt man zwischen 180 Euro und 250 Euro an Parship, Elite & Co.de, damit man wenigstens im Hinblick auf die wesentlichen Daten eines potentiellen Partners auf der sicheren Seite sein kann. Tatsächlich wird hier lediglich die Illusion von Sicherheit erzeugt. Mehr nicht.
Für Menschen, die auf der Suche nach dem richtigen Partner diesen Weg wählen, weil sie aufgrund der Werbung (FAZ, Die Zeit) Seriosität erwarten, ist es ein teurer Spaß. Hochstaplern, Betrügern und notorischen Abzockern werden Tür und Tor geöffnet. Wieso ich das erwähne? Ich habe aufgrund meiner Erfahrung einige Partnervermittlungen aus dem Internet genauer unter die Lupe genommen und auch von anderen Frauen Erfahrungsberichte eingeholt. Ich will euch den Spaß aber wirklich nicht ganz und gar verderben. Wo Möglichkeiten sind, gibt es eben auch Gefahren. Und von einer dieser Gefahren, nämlich von meiner Vergewaltigung durch einen Parshipteilnehmer (der übrigens zur selben Zeit auch bei Elitepartner registrieret war), berichte ich in Teil 2. Hoffentlich gelingt es mir, eine sehr ernste Sache von ihrer komischen Seite zu betrachten und zu erzählen…
Wenn tapfere Hunnenkönige vor Magenspiegelungen davonlaufen…
Eigentlich soll es ja in diesem Blog um Ungerechtigkeiten und mehr oder weniger kleine Betrügereien in Dienstleistungssektoren wie Medizin, Rechtswesen, Internet etc. gehen, aber zum Auftakt hier nur eine kurze, hoffentlich amüsante Anekdote aus dem Bereich der Gastroenterologie:
Wer schon mal eine Magenspiegelung bekommen hat, kann sicher nachempfinden, daß es angenehmere Dinge im Leben gibt. Zu Beginn der Neunziger, als die Krankenhausjobs für Medizinstudenten rar waren, habe ich mir etwas Geld mit sogenannten „Sondenversuchen“ verdient. Finanziell stand ich während des Studiums immer „hart an der Kippe“, denn mein Vater, der ein kettenrauchender Workaholic war, bekam schon mit Ende vierzig einen Herzinfarkt, wodurch er arbeitsunfähig wurde. Er quälte sich noch zehn Jahre, in denen er diverse Operationen über sich ergehen ließ, bis er im Jahr 1990 starb. Meine Mutter war Hausfrau, daher verschlechterte sich unsere finanzielle Situation sehr, als der „Versorger“ der Familie ausfiel. Befög habe ich nicht beantragt, weil meine Mutter sonst das Haus hätte aufgeben müssen. Das wollte ich ihr natürlich nicht zumuten, also finanzierte ich mein Studium selbst. Die Pharmaindustrie testet nahezu alle Medikamente an männlichen Probanden (bei Frauen müßte man bei der Auswertung den Zyklus miteinbeziehen, was den Forschern zu mühsam ist), was einerseits dazu führt, daß die meisten zugelassenen Medikamente in ihrer Wirkung auf Frauen nahezu unberechenbar (da nur an Männern getestet) sind. Vernünftige Mediziner kennen das Problem und sprechen es sogar gelegentlich an, von der Mehrheit der Ärzte wird diese Tatsache jedoch totgeschwiegen. Ich selbst nehme kaum Medikamente (gelegentlich Schmerzmittel, wenn meine Hüftgelenksdysplasie Beschwerden macht), bin also wenig betroffen. Im Studium jedoch, als ich dringend Geld brauchte, empfand ich es schon als ein wenig ungerecht, weil ich mich aus der finanziellen Not heraus gern öfter als Versuchskaninchen angeboten hätte. Ich freute mich also sehr, als ich in die Sondenstudie am Essener Uniklinikum, wo ich damals studierte, aufgenommen wurde. Ich bekam diverse Schläuche in den Magen geschoben und diverse Substanzen verabreicht, was nicht wirklich angenehm war, zumal die Prozeduren bis zu acht Stunden dauerten. Dafür gab es 300 Mark, für mich viel Geld. Leider hatte die Sache eine negative Folge: Ich bekam eine Gastritis und immer wieder kleinere Schleimhautblutungen, die in regelmäßigen Abständen mittels Magenspiegelung kontrolliert werden mußten. Nach einer Weile hatte sich mein Magen erholt, ich mußte immer seltener zum „Spiegeln“. Erst im Jahr 2001 meldete sich mein Magen mit Schmerzen, die ich nicht ignorieren konnte. Meine damalige Internistin (übrigens eine sehr einfühlsame und vernünftige Person, die ich aber leider nicht namentlich empfehlen kann, weil ich damit auch ihren weniger empfehlenswerten Kollegen bloßstellen würde) ist Nephrologin (Nierenspezialistin) und betreibt in Bochum mit einem Kollegen eine Dialysepraxis. Da sie selbst keine Magenspiegelungen durchführt, bekam ich einen Termin bei ihrem Kollegen. Am Morgen der Spiegelung ließ ich mich artig verkabeln und mir Buscopan spritzen – so weit so gut. Nun bin ich (leider), was Magenspiegelungen angeht, ein „alter Hase“: Mit dem Würgereflex komme ich klar, mir macht eher die Überblähung (während des Vorgangs wird Luft in den Magen gepumpt, was die Magenwände reizt und ziemlich weh tun kann) zu schaffen. Was ich aber gar nicht vertrage, ist das Xylocain-Spray, was den Patienten zur Betäubung in den Rachen gesprüht wird. Bei meiner ersten Spiegelung habe ich es eingeatmet, weil ich die Luft nicht mehr anhalten konnte, bekam einen Hustenanfall und hatte das unangenehme Gefühl, ersticken zu müssen. Daher verzichte ich gern auf Xylo, zumal ich es ohnehin nicht brauche (ich kann mich mental recht gut entspannen und den Würgereflex habe ich sowieso im Griff). Ich machte mir also wenig Gedanken, als ich den Doc, der gerade das Xylo-Fläschen zückte, abwehrend bat, auf das Spray zu verzichten. Der Doc, offenbar fixiert auf seine gewohnten Handlungsabläufe, versuchte mir daraufhin einzureden, daß es ohne Xylo nicht ginge. Er habe noch nie eine Spiegelung ohne Xylo durchgeführt und wollte mir erzählen, daß er ja schließlich hier der Arzt sei und schon wisse, was er tue. Darauf sah ich ihn freundlich, aber bestimmt an und sagte: „Nein. Für mich ist es ohne Xylo leichter. Das werden Sie mir auf keinen Fall in den Rachen sprühen. Entweder Sie spiegeln ohne Xylo, oder sie spiegeln ohne mich.“ Ich sagte es wirklich sehr höflich, aber eben doch mit einer gewissen Entschlossenheit, die ihn so erschreckt haben muß, daß er aufsprang und aus dem Behandlungszimmer hinausrannte. Die Arzthelferin war völlig entgeistert, weil ich dem „Herrn Doktor“ widersprochen hatte. Sind wir denn wirklich im Kindergarten? Wer ist hier der Patient? Der Doc, der kein „nein“ verträgt oder die Patientin, die ihren Körper besser kennt, als jeder Arzt. Die Magenspiegelung fiel jedenfalls aus, weil der Doc sich schmollend in sein Zimmer verzog und nicht mehr gesehen ward. Das Witzige an der Geschichte: Dieser wackere Internist hört auf den Vornamen „Attila“. Wow! Bemerkenswert, wie mutig und unerschrocken die Hunnenkönige heutzutage doch sind!
Für mich ein klarer Fall von „Kopfgeschlagen“!!!
Zu mir…
Das kleine Wörtchen „nein“
Bevor ich von den „härteren“ Erfahrungen aus meinem kleinen Leben berichte, vorab ein kurzes, erklärendes Wort zu mir: Beinahe mein ganzes Leben lang habe ich wenig Energie für das Wörtchen „nein“ aufgebracht, was nicht ungewöhnlich ist, zumal Nachgiebigkeit ein sogenanntes „Frauensyndrom“ sein soll. Wir Mädels tendieren leider noch immer dazu, es anderen recht zu machen. Männer sollen angeblich weniger Probleme haben, ihre Interessen durchzusetzen. Ob diese Theorie stimmt, weiß ich nicht (ich kenne dazu keine Statistiken), allerdings ist auch mein Eindruck, daß Frauen sich leichter übervorteilen lassen, und zwar sowohl beruflich als auch privat. Bei mir persönlich kommt erschwerend hinzu, daß ich durch meine kleine „Behinderung“ (als Kind wurde bei mir ein übernormal hoher IQ und ein atypischer Autismus festgestellt) manchmal ein übersteigertes Mitgefühl habe und vielleicht aus naivem Unglauben, die Menschen könnten nicht wirklich so schlecht, so geldgierig und so berechnend sein, in den letzten Jahren in Situationen geraten bin, die sich zu meinem Nachteil entwickelt haben. Erst nach dem Tod meiner Mutter habe ich angefangen, das Wörtchen „nein“ für mich zu entdecken. Leider mußte ich feststellen, daß gerade dadurch, also durch das Aufzeigen von Grenzen, von vielen Seiten Gewaltthemen an mich herangetragen wurden. Vielfach haben Menschen meine Grenzen überschritten, und zwar sowohl beruflich als auch privat (die Gewalt reichte von finanzieller Übervorteilung bis zu Vergewaltigung), was dazu führte, daß ich mich mehr und mehr zurückgezogen haben.
Jahrelang habe mich mit dem Thema „Hochbegabung“ überhaupt nicht auseinandergesetzt. Entsprechend habe ich meine zahlreichen „Problemchen“ im Umgang mit Lügen und Ungerechtigkeiten auf den lieben Zufall geschoben. Erst in den letzten zwei Jahren erfuhr ich, daß viele Hochbegabte einen übergroßen Gerechtigkeitssinn aufweisen, mit dem sie oftmals anecken und vielfach sogar am Leben scheitern. Meine Nachgiebigkeit könnte sich ebenfalls daraus erklären, denn Hochbegabte haben oftmals das Gefühl von der Natur „zu reich“ beschenkt worden zu sein und daher anderen besonders viel zurückgeben zu müssen, was auch dazu führen kann, daß man sich Dinge gefallen läßt, die aus objektiver Sicht (also aus der Vernunftperspektive) unverständlich erscheinen. In meinem Fall war der hohe IQ ein Zufallsbefund. Als Kind brachten mich meine Eltern zum Neurologen, weil ich ständig meine Nagelbetten aufgeknibbelt habe. Zudem war ich – gerade als kleines Kind – enorm schüchtern und schweigsam, obwohl mein sprachliches Ausdrucksvermögen überdurchschnittlich war (aber eben nur in einem gesicherten Umfeld, also gegenüber vertrauten Menschen). Ich hatte schon als Winzling ein übergroßes Bedürfnis, meinen Kopf zu füttern. Ich las alles, was mir unter die Augen kam, und das schon vor meiner Einschulung. Wenn ich überhaupt Kontakt zur Außenwelt suchte, dann nur zu älteren Kindern. Es dauerte etwas, bis Ärzte und Psychologen zwei und zwei zusammenzählten und mir einen „atypischen Autismus“ bescheinigten. Die Diagnose stand auf wackligen Beinen, weil mein Verhalten eigentlich recht normal war. Ich war eben nur besonders schüchtern. In der Summe, insbesondere wenn man die Hochbegabung hinzuzählt, kam dann eben „mein kleiner Autismus“ dabei heraus. Die Schüchternheit habe ich im Laufe meiner Schulzeit fast vollständig abgelegt, so daß heute niemand der mich kennenlernt, vermuten würde, daß ich Autistin bin. Mit meinem Intellekt kann ich (wenn es mir gut geht) meine Mitmenschen über meine kleinen Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Bei Autismus denken die meisten Menschen sofort an „Rainman“, aber diesem „Typus“ gleiche ich wahrlich nicht (ich kann nicht mal besonders gut kopfrechnen, meine Begabungen äußern sich in anderer Form).
